Lieferengpässe bei Medikamenten
Die Versorgung mit Arzneimitteln in Deutschland ist durch eine starke Abhängigkeit von Herstellern in China und Indien sowie durch den hohen Preisdruck gefährdet. Hörer erfahren, warum das System der Rabattverträge die heimische Produktion unrentabel macht und welche Risiken die Just-in-time-Logistik bei globalen Störungen für die Apotheken vor Ort birgt. Am Beispiel von Tamoxifen wird aufgezeigt, wie der Staat bei extremem Mangel rechtlich eingreifen muss.
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte meldete für das Jahr 2023 über 500 versorgungsrelevante Medikamente als knapp. Felix und Anna untersuchen die Abhängigkeit von Wirkstoffproduktionen in China und Indien sowie den wirtschaftlichen Druck durch deutsche Rabattverträge, der zur Schließung europäischer Standorte führt. Wenn lebensnotwendige Mittel wie das Krebsmedikament Tamoxifen oder Penicillin aus Österreich nicht mehr lieferbar sind, entstehen gefährliche Versorgungslücken für Patienten in der gesamten Bundesrepublik. Der Valsartan-Skandal von 2018 verdeutlicht zudem, wie verunreinigte Grundstoffe bei einem einzigen Lohnhersteller weltweite Rückrufe und monatelange Engpä...
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Wenn ein Vater mitten in der Nacht vergeblich nach Fiebersaft sucht, wer trägt dann eigentlich die Verantwortung? Wer ist schuld an diesem gefährlichen Notstand in unseren Apotheken?
Unser System hat die Sicherheit bei der Versorgung schlichtweg geopfert.
Willkommen bei PodThis. Ich bin Iris und bei mir ist Marcus. Er ist Experte für Gesundheitsökonomie. Später möchte ich von ihm wissen, ob wir die Produktion der Wirkstoffe wieder zurück nach Deutschland holen müssen.
Begrüßung und aktuelle Lage der Lieferengpässe
Wir verlassen uns blind darauf, dass jedes Rezept in der Apotheke sofort bedient wird. Aber ist diese Gewissheit nicht längst eine lebensgefährliche Täuschung?
Ich halte die Frage für falsch gestellt. Es geht nicht um eine Täuschung, sondern um ein kollektives Wegsehen, obwohl die Warnsignale seit Jahren rot leuchten. Wir haben uns an einen Standard gewöhnt, den das System schon lange nicht mehr halten kann.
Wie dramatisch ist der Zustand in den Regalen denn aktuell?
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat für das Jahr zwei-tausend-drei-und-zwanzig über fünf-hundert versorgungs-relevante Medikamente als knapp gemeldet. Das ist ein historischer Höchststand. Wir sprechen hier nicht von exotischen Nischenprodukten. Es geht um die Grundnahrungsmittel der Medizin, die schlicht nicht greifbar sind.
Reden wir hier über bloße Unannehmlichkeiten bei der Logistik oder über eine echte Gefahr für die Patienten?
Die Logistikketten sind heutzutage so komplex, dass jede kleine Störung sofort durchschlägt. Das liegt daran, dass niemand mehr Puffer einplant. Die Effizienz wurde hier über die Sicherheit der Versorgung gestellt. Das hat die Anfälligkeit massiv erhöht.
Das haben Sie nicht beantwortet. Besteht für die Menschen eine reale Gefahr?
Ja. Im Frühjahr zwei-tausend-zwei-und-zwanzig war die Lage beim Brustkrebs-medikament Tamoxifen so verzweifelt, dass das Bundes-gesundheits-ministerium offiziell einen Versorgungsmangel ausrufen musste. Nur durch diesen rechtlichen Schritt war es überhaupt möglich, Medikamente in fremdsprachigen Packungen aus dem Ausland zu importieren. Wenn der Staat derart massiv eingreifen muss, um die Therapie von Krebspatientinnen sicherzustellen, dann brennt die Hütte lichterloh.
Warum gibt es keine Reserven für solche Notfälle?
Weil Lagerhaltung in der modernen Betriebswirtschaft als totes Kapital gilt. Apotheken und der Großhandel haben ihre Bestände so radikal minimiert, dass schon eine Blockade im Suezkanal innerhalb weniger Tage zu leeren Regalen führt. Die Ware ist quasi ständig auf Achse und nie im Lager. Das ist ein Spiel mit dem Feuer auf Kosten der Kranken.
Wenn die Vorräte derart auf Kante genäht sind, wer zwingt das System dann eigentlich zu dieser extremen Sparsamkeit?
Ursachenanalyse: Warum Medikamente plötzlich fehlen
Viele Leute denken, dass Medikamente heute einfach schwieriger herzustellen sind und deshalb fehlen. In Wahrheit ist das aber kein technisches Problem. Es ist eine reine Geldfrage, die wir uns selbst eingebrockt haben. Siehst du das auch so?
Ich weiß nicht, ob man das wirklich Absicht nennen kann. Aber es ist das Ergebnis einer jahrelangen Sparwut im Gesundheitswesen. Wir haben ein System mit Rabattverträgen aufgebaut, das die Preise extrem nach unten drückt. Bei manchen Mitteln wie Ibuprofen-Saft verdienen die Hersteller nur noch ein paar Cent pro Packung. Davon kann man hier in Europa einfach keine Fabrik mehr unterhalten.
Aber wer treibt das System denn zu dieser extremen Sparsamkeit? Immerhin steht am Ende die Versorgung der Patienten auf dem Spiel.
Das sind die gesetzlichen Krankenkassen. Die wollen durch diese Ausschreibungen Milliarden einsparen. Das Problem ist nur, dass die Produktion dadurch fast komplett abgewandert ist. Inzwischen kommen rund achtzig Prozent der Wirkstoffe für Generika aus nur zwei Ländern, nämlich China und Indien. Wir haben uns in eine totale Abhängigkeit begeben, nur um ein paar Euro zu sparen.
Ist diese Konzentration auf so wenige Standorte wirklich so gefährlich, wie man immer hört?
Das ist längst keine Theorie mehr, sondern bittere Realität. Erinnerst du dich an den Valsartan-Skandal im Jahr zweitausendachtzehn? Damals gab es einen Produktionsfehler bei einem chinesischen Zulieferer. Das hat eine weltweite Rückrufwelle von Blutdrucksenkern ausgelöst. Plötzlich war das Medikament überall knapp, weil eine einzige Quelle in Asien weggefallen ist. Das zeigt doch, wie zerbrechlich dieses ganze Kartenhaus ist.
Gibt es denn gar keine Firmen mehr, die gegen den Strom schwimmen und hier in der Nähe produzieren?
Es gibt noch eine Art letzte Festung. In Kundl in Österreich steht die letzte große Anlage der westlichen Welt, die Penicillin noch komplett eigenständig herstellt. Aber das ist eine einsame Insel. Wenn wir nicht bereit sind, für Arzneien wieder Preise zu zahlen, die eine Produktion vor unserer Haustür ermöglichen, wird auch dieser Standort irgendwann verschwinden. Wir sparen uns hier wortwörtlich die eigene Gesundheit kaputt.
Marcus, wenn wir uns die leeren Regale in den Apotheken ansehen, über die wir heute gesprochen haben: Was ist die wichtigste Lektion, die wir aus diesem Rückzug der Industrie lernen müssen?
Wir müssen uns eingestehen, dass die Jagd nach dem billigsten Preis die Produktion aus Europa vertrieben hat. Dadurch ist ein gefährliches Monopol entstanden. Die Rabattverträge haben die Sicherheit unserer Versorgung für eine winzige Ersparnis geopfert. Die Lücken in der Apotheke werden erst dann dauerhaft verschwinden, wenn wir Standorte hier bei uns wieder gezielt unterstützen.
Vielen Dank für diese Einblicke, Marcus. Und Ihnen danke ich fürs Zuhören bei PodThis.
Sources & further reading
Bittere Pillen
Dieses Standardwerk beleuchtet die Hintergründe der Pharmaindustrie und die Bewertung von Arzneimitteln.
Patient ohne Plan
Der Autor analysiert die Schwachstellen im deutschen Gesundheitssystem und die Folgen für die Patientenversorgung.
How this episode was made
Created by @rexhajarian with PodThis. The research and script are AI-generated with Google Gemini from the creator's topic, and the voices with Gemini or Cartesia. PodThis editors have not reviewed this episode.
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